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Title:   Unabhaengigkeitserklaerung des Cyberspace - J.P. Barlow 1996
pubDate: Wed, 22 May 2019 18:39:17 CEST
Author:  Rene Gabel 

[1] Regierungen der industriellen Welt, Ihr mueden Giganten aus
Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des
Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer
vergangenen Zeit: Lasst uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht
willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr. [2]
Wir besitzen keine gewaehlte Regierung, und wir werden wohl auch nie
eine bekommen - und so wende ich mich mit keiner groesseren Autoritaet
an Euch als der, mit der die Freiheit selber spricht. Ich erklaere den
globalen sozialen Raum, den wir errichten, als gaenzlich unabhaengig
von der Tyrannei, die Ihr ueber uns auszuueben anstrebt. Ihr habt hier
kein moralisches Recht zu regieren noch besitzt Ihr Methoden, es zu
erzwingen, die wir zu befuerchten haetten. [3] Regierungen leiten Ihre
gerechte Macht von der Zustimmung der Regierten ab. Unsere habt Ihr
nicht erbeten, geschweige denn erhalten. Wir haben Euch nicht
eingeladen. Ihr kennt weder uns noch unsere Welt. Der Cyberspace liegt
nicht innerhalb Eurer Hoheitsgebiete. Glaubt nicht, Ihr koenntet ihn
gestalten, als waere er ein oeffentliches Projekt. Ihr koennt es
nicht. Der Cyberspace ist ein natuerliches Gebilde und waechst durch
unsere kollektiven Handlungen. [4] Ihr habt Euch nicht an unseren
grossartigen und verbindenden Auseinandersetzungen beteiligt, und Ihr
habt auch nicht den Reichtum unserer Marktplaetze hervorgebracht. Ihr
kennt weder unsere Kultur noch unsere Ethik oder die ungeschriebenen
Regeln, die unsere Gesellschaft besser ordnen als dies irgendeine
Eurer Bestimmungen vermoechte. [5] Ihr sprecht von Problemen, die wir
haben, aber die nur Ihr loesen koennt. Das dient Eurer Invasion in
unser Reich als Legitimation. Viele dieser Probleme existieren gar
nicht. Ob es sich aber um echte oder um nur scheinbare Konflikte
handelt - wir werden sie lokalisieren und mit unseren Mitteln angehen.
Wir schreiben unseren eigenen Gesellschaftsvertrag. Unsere
Regierungsweise wird sich in Uebereinstimmung mit den Bedingungen
unserer Welt entwickeln, nicht Eurer. Unsere Welt ist anders. [6] Der
Cyberspace besteht aus Beziehungen, Transaktionen und dem Denken
selbst, positioniert wie eine stehende Welle im Netz der
Kommunikation. Unsere Welt ist ueberall und nirgends, und sie ist
nicht dort, wo Koerper leben. [7] Wir erschaffen eine Welt, die alle
betreten koennen ohne Bevorzugung oder Vorurteil bezueglich Rasse,
Wohlstand, militaerischer Macht und Herkunft. [8] Wir erschaffen eine
Welt, in der jeder Einzelnen an jedem Ort seine oder ihre
Ueberzeugungen ausdruecken darf, wie individuell sie auch sind, ohne
Angst davor, im Schweigen der Konformitaet aufgehen zu muessen. [9]
Eure Rechtsvorstellungen von Eigentum, Redefreiheit, Persoenlichkeit,
Freizuegigkeit und Kontext treffen auf uns nicht zu. Sie alle basieren
auf der Gegenstaendlichkeit der materiellen Welt. Es gibt im
Cyberspace keine Materie. [10] Unsere persoenlichen Identitaeten haben
keine Koerper, so dass wir im Gegensatz zu Euch nicht durch physische
Gewalt reglementiert werden koennen. Wir glauben daran, dass unsere
Regierungsweise sich aus der Ethik, dem aufgeklaerten Selbstinteresse
und dem Gemeinschaftswohl eigenstaendig entwickeln wird. Unsere
Identitaeten werden moeglicherweise ueber die Zustaendigkeitsbereiche
vieler Eurer Rechtssprechungen verteilt sein. Das einzige Gesetz, das
alle unsere entstehenden Kulturen grundsaetzlch anerkennen werden, ist
die Goldene Regel. Wir hoffen, auf dieser Basis in der Lage zu sein,
fuer jeden einzelnen Fall eine angemessene Loesung zu finden. Auf
keinen Fall werden wir Loesungen akzeptieren, die Ihr uns
aufzudraengen versucht. [11] In den Vereinigten Staaten habt Ihr mit
dem "Telecommunications Reform Act" gerade ein Gesetz geschaffen, das
Eure eigene Verfassung herabwuerdigt und die Traeume von Jefferson,
Washington, Mill, Madison, Tocqueville und Brandeis beleidigt. Diese
Traeume muessen nun in uns wiedergeboren werden. [12] Ihr erschreckt
Euch vor Euren eigenen Kindern, weil sie Eingeborene einer Welt sind,
in der Ihr stets Einwanderer bleiben werdet. Weil Ihr sie fuerchtet,
uebertragt Ihr auf Eure Buerokratien die elterliche Verantwortung, die
Ihr zu feige seid, selber auszueben. In unserer Welt sind alle
Gefuehle und Ausdrucksformen der Humanitaet Teile einer umfassenden
und weltumspannenden Konversation der Bits. Wir koennen die Luft, die
uns erstickt, von der nicht trennen, die unsere Fluegel emporhebt.
[13] In China, Deutschland, Frankreich, Russland, Singapur, Italien
und den USA versucht Ihr, den Virus der Freiheit abzuwehren, indem Ihr
Wachposten an den Grenzen des Cyberspace postiert. Sie werden die
Seuche fuer eine Weile eindaemmen koennen, aber sie werden ohnmaechtig
sein in einer Welt, die schon bald von digitalen Medien umspannt sein
wird. [14] Eure in steigendem Masse obsolet werdenden
Informationsindustrien moechten sich selbst am Leben erhalten, indem
sie - in Amerika und anderswo - Gesetze vorschlagen, die noch die Rede
selbst weltweit als Besitz definieren. Diese Gesetze wuerden Ideen als
nur ein weiteres industrielles Produkt erklaeren, nicht ehrenhafter
als Rohmetall. In unserer Welt darf alles, was der menschliche Geist
erschafft, kostenfrei unendlich reproduziert und distribuiert werden.
Die globale Uebermittlung von Gedanken ist nicht laenger auf Eure
Fabriken angewiesen. [15] Die zunehmenden feindlichen und kolonialen
Massnahmen versetzen uns in die Lage frueherer Verteidiger von
Freiheit und Selbstbestimmung, die die Autoritaeten ferner und
unwissender Maechte zurueckweisen mussten. Wir muessen unser
virtuelles Selbst Eurer Souveraenitaet gegenueber als immun erklaeren,
selbst wenn unsere Koerper weiterhin Euren Regeln unterliegen. Wir
werden uns ueber den gesamten Planeten ausbreiten, auf dass keiner
unsere Gedanken mehr einsperren kann. [16]Wir werden im Cyberspace
eine Zivilisation des Geistes erschaffen. Moege sie humaner und
gerechter sein als die Welt, die Eure Regierungen bislang errichteten.
John Perry Barlow (barlow@eff.org) Davos, Schweiz - 8. Februar 1996
(Deutsch von Stefan Muenker) (John Perry Barlow)

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